23.04.20 23:27

Nachdruck: "Ein Brandbeschleuniger für die Proteste in Afrika"

Rubrik: Soziale Kämpfe, Urbane Konflikte, Hintergrund/Doku, Südliches Afrika, Ostafrika, Zentralafrika, Westafrika
Von: Fabian Urech/NZZ

Kommentar aus der Neuen Zürcher Zeitung vom 9. April 2020 zu den Auswirkungen der Corona-Pandemie auf den aktuellen Widerstandszyklus in Afrika.

Protestierende in der sudanesischen Hauptstadt Khartum 2019

"Millionen von Afrikanern gingen letztes Jahr auf die Strasse. Die Corona-Krise hat die Proteste vorläufig gestoppt, dürfte sie aber bald noch verstärken. Europa darf sich gegenüber der Wut der Jugend auf dem afrikanischen Kontinent nicht blind stellen.

 

Die Place Audin ist menschenleer. Nichts deutet darauf hin, dass hier, im Zentrum der algerischen Hauptstadt Algier, noch bis vor wenigen Wochen Zehntausende demonstriert haben. Jeden Freitag gingen sie auf die Strasse, während 56 Wochen, ohne Unterbruch. Dann kam das Virus – und die Ausgangssperre.

Algier ist keine Ausnahme in Afrika. In vielen weiteren Städten des Kontinents hat das Coronavirus nicht nur die Wirtschaft zum Stillstand gebracht, sondern auch die Proteste. In über der Hälfte der 54 Länder Afrikas hatte die Wut über den Status quo in den letzten Jahren immer mehr – vor allem junge – Menschen auf die Strasse getrieben. Das Virus hat diese Entwicklung zeitweilig gestoppt. Dennoch dürfte sie die Zukunft des Kontinents massgeblich mitprägen. 

Emanzipation der Massen

Afrika hat sich in den letzten Jahren zu einem Hauptschauplatz der globalen Protestwelle entwickelt. In keiner anderen Weltgegend ist die Zahl der friedlichen Proteste stärker gestiegen als hier. Laut Acled, einer amerikanischen Forschungseinrichtung, waren es 2019 über 9000. Das sind mehr als doppelt so viele Proteste wie im Vorjahr – und zwanzig Mal mehr als vor zehn Jahren. Es war eine beispiellose Protestwelle, die vor dem Ausbruch der Corona-Krise über den Kontinent schwappte.

Dass Hunderttausende aufstehen und die Classe politique herausfordern, ist eine tiefgreifende Neuentwicklung für Afrika. Lange galt in weiten Teilen des Kontinents ein Prinzip, das der nigerianische Musiker Fela Kuti einst als «Shuffering and Shmiling» bezeichnet hat: Man leidet, aber lächelt dabei. «On se débrouille», heisst es im frankofonen Afrika oft: Man wurstelt sich durch – und verzichtet auf offenen Widerstand gegen die Mächtigen.

Das ändert sich gerade. Vielerorts ist es in den letzten Jahren zu einer Emanzipation der Massen gekommen: Wer leidet, schweigt nicht mehr, sondern fordert Verbesserungen, wo nötig einen Umsturz. Das sympathische, aber fatalistische Lächeln verschwindet. Es wird verdrängt vom Mut der Verzweifelten, vom Kampfgeist der Gebeutelten.

Gute Gründe für den Unmut

Nach Gründen für den Unmut der Menschen braucht man nicht lange zu suchen. Weiterhin lebt ein Drittel der rund 1,3 Milliarden Afrikanerinnen und Afrikaner in absoluter Armut. Von den hohen wirtschaftlichen Wachstumsraten der letzten Jahre profitierte meist nur eine kleine Elite. Jobs gibt es noch immer viel zu wenige, die staatlichen Dienstleistungen bleiben ungenügend, die Korruption grassiert unvermindert weiter.

Gerade für die junge Generation sind die Perspektiven düster. Laut der Weltbank sind die sozialen Aufstiegschancen auf keinem Kontinent geringer als hier. Nur einer von vier Schulabgängern darf sich Hoffnungen machen, überhaupt eine Stelle zu finden.

Viele dieser Missstände existieren in Afrika seit Jahrzehnten – ohne zu Revolten geführt zu haben. Ausschlaggebend für die jüngste Entwicklung sind deshalb andere Faktoren. Dazu gehört die Digitalisierung, die längst auch die abgelegensten Regionen Afrikas erreicht hat und die Koordination von Demonstrationen überhaupt erst ermöglicht. Dazu zählt das starke Wachstum afrikanischer Städte, in denen sich Proteste viel rascher ausbreiten als auf dem Land. Und dazu gehört die Tatsache, dass sich in den letzten Jahren vielerorts eine kleine, kritische Mittelschicht sowie zivilgesellschaftliche Gruppierungen konstituiert haben. Diese vertreten mit ansteckendem Selbstbewusstsein die Überzeugung, dass von der Politik mehr erwartet werden darf als eine Fortsetzung des Sichdurchwurstelns.

In der Summe führt das dazu, dass sich immer weniger Menschen in Afrika mit den falschen Versprechen von machttrunkenen Politikern abspeisen lassen. Und weil es bei Wahlen in Afrika selten darum geht, eine wirkliche Wahl zu haben, gehen die Menschen auf die Strasse.

Corona verstärkt die Wut

Für gewisse bedrängte Regime auf dem Kontinent dürfte die gegenwärtige Pandemie daher auch eine willkommene Verschnaufpause sein. Die Demonstranten müssen zu Hause bleiben, der Druck der Strasse lässt nach.

Doch die Wut der Menschen wird nicht verschwinden – im Gegenteil. Bereits heute ist klar, dass die Corona-Krise den Kontinent zumindest wirtschaftlich stark treffen wird. Das Virus wird die Missstände und die Versäumnisse der Regierungen in aller Deutlichkeit offenlegen. Die Proteste dürften daher umso heftiger wieder aufflammen, sobald das Virus unter Kontrolle ist. Der Sturm ist nicht vorbei. Er braut sich gerade erst recht zusammen. «Das Virus macht uns keine Angst, wir sind in der Misere aufgewachsen», lautete einer der letzten Schlachtrufe, die auf den Strassen von Algier zu vernehmen waren.

Was bedeutet das für die Zukunft des Kontinents? Die Erfahrungen sind zweischneidig. Im besseren Fall können Proteste eine starke disruptive Kraft entwickeln und überfällige Transformationsprozesse anstossen. In Äthiopien leiteten die ausdauernden Demonstranten die Demokratisierung ein. Im Sudan stürzten sie einen unantastbar scheinenden Autokraten. Hinzu kommen kleinere Erfolge: dass in Malawi nach Protesten die manipulierte Wahl annulliert wird, dass Ghana wegen des Unmuts in der Bevölkerung auf den teuren Neubau des Parlaments verzichtet.

Im schlechteren Fall aber bewirken Proteste – zumindest kurzfristig – genau das Gegenteil von dem, was sie anstreben. In Togo, Tschad und Benin haben die regierungskritischen Demonstrationen dazu geführt, dass die Repression ausgeweitet und die Freiheiten eingeschränkt wurden. Im anglofonen Kamerun mündeten die anfangs friedlichen Demonstrationen in eine bürgerkriegsähnliche Krise. In Guinea änderte der Präsident unlängst trotz Zehntausenden von Menschen auf der Strasse die Verfassung, um noch länger an der Macht zu bleiben.

Trügerische Stabilität 

Mittelfristig ist der wachsende Widerstand in Afrika aber vor allem eine Chance. Das gilt insbesondere dann, wenn er dazu beiträgt, dass in den Regierungsämtern des Kontinents endlich verantwortungsvolle, kompetente, anpackende Politikerinnen und Politiker die Macht übernehmen. Sie sind bis heute Afrikas knappstes Gut.

Ob dies gelingt, liegt in den Händen der Afrikanerinnen und Afrikaner selbst. Gleichwohl tragen auch Aussenstehende eine Verantwortung. Obwohl Europa an Einfluss verloren hat, spielt es auf dem Kontinent weiterhin eine Rolle, wie etwa Paris oder Brüssel zu einer bestimmten Regierung steht. Bis heute gilt dabei vor allem ein Leitprinzip: Ein Freund Europas ist, wer Stabilität bietet. Demokratie und Menschenrechte mögen in Reden und Absichtserklärungen ein Gewicht haben, in der Realität haben sie es kaum. Déby im Tschad, Museveni in Uganda, Biya in Kamerun – selbst skrupellose Autokraten dürfen seit Jahrzehnten auf Unterstützung des Westens zählen.

Diese Politik ist kurzsichtig: Wo Politiker nicht die Bedürfnisse der Menschen ins Zentrum stellen, sondern die Selbstbereicherung und den Machterhalt einiger weniger, wächst zwangsläufig der Unmut. Kurzfristig kann man diesen unterdrücken. Doch irgendwann entlädt er sich – und genau dies hat sich in vielen Ländern Afrikas in den letzten Jahren angedeutet.

Zugleich ist diese Politik heuchlerisch: Sie ignoriert den Wunsch nach Freiheit – jenem Ideal also, das in Europa im Zentrum von fast allem steht.Fast sieben von zehn Menschen in Afrika erachten die Demokratie als beste Regierungsform. Laut einer Studie gehen die meisten Protestierenden auf die Strasse, weil sie sich marginalisiert fühlen – und endlich mitreden wollen. Das ist eigentlich ein Steilpass für den alten Kontinent. Aber Europa bleibt in seiner Fixierung auf Stabilität stehen.

In hiesigen Regierungsämtern und Entwicklungsorganisationen spricht man gerne von Selbstermächtigung – und kritisiert mitunter, dass diese in Afrika fehle. Die Menschen, die in Conakry, Khartum oder Lomé auf die Strasse gehen, beweisen das Gegenteil. Sie verdienen Unterstützung – nicht die alte Garde an der Macht, die sich auch dank europäischen Zuwendungen sorglos reproduzieren kann, obwohl sie für das genaue Gegenteil steht von dem, was sich in Afrika fast alle wünschen."

 

https://www.nzz.ch/meinung/coronavirus-brandbeschleuniger-fuer-proteste-in-afrika-ld.1544045

Auf dieser Seite findet sich zusätzlich eine interessante Statistik zum Ausmaß des Widerstands in Afrika in den letzten Jahren.