11.05.20 16:21

Überleben in Zimbabwe nach 2017

Rubrik: Soziale Kämpfe, Diskussion, Urbane Konflikte
Von: Manase Kudzai Chiweshe

Vielfältige legale und weniger legale Strategien

Informeller Sektor in Harare (Bild: Eleonora Matare Ineichen 2010).

Zimbabwe wird seit vielen Jahren von Krisen geschüttelt. Seit dem Rücktritt von Robert Mugabe hat die Regierung im Zuge von Austeritätsmassnahmen zudem mehr und mehr Sozialleistungen abgebaut. Manase Chiweshe stellt Überlebensstrategien der Bevölkerung im städtischen wie im ländlichen Raum vor, die neben legalen auch illegale Aktivitäten umfassen. Er konzentriert sich dabei auf die Zeit nach 2017.
Am 21.November 2017 trat Robert Mugabe nach einem Armeeputsch von der Präsidentschaft Zimbabwes zurück, vier Tage später wurde Emmerson Mnangagwa als Präsident vereidigt und 2018 gewählt. Die darauffolgende Zeit war geprägt von einer Implosion der Wirtschaft. Wiederholte Engpässe im Umlauf von Bargeld wurden durch zwei Massnahmen des neuen Finanzministers verschärft: Zuerst führte er eine Steuer in der Höhe von zwei Prozent auf elektronische Transaktionen ein, welche die Geschäfte auf die Konsumenten abwälzten. Zweitens wurde der Zim-Dollar wieder eingeführt und die bisher geltenden Währungen (US-Dollar, Rand und Pula) verboten. Folglich wurden alle Guthaben und Preise in die zimbabwische Währung umgewandelt. Der Wert von Ersparnissen und Investitionen verminderte sich drastisch. Wegen des neuen Umrechnungskurses stiegen die Warenpreise massiv an, nicht jedoch die Löhne. Dies bedeutete für die Mehrheit der Menschen gesteigerte Not, da ihr Einkommen aus Lohnarbeit und anderen Aktivitäten an Wert verlor. Die Regierung führte mehrere neoliberale Reformen durch, welche die Subventionen in vielen Sektoren strichen. Inflation, anhaltender Bargeldmangel, Aushöhlung der Kaufkraft, Preiserhöhungen und Betriebsschliessungen charakterisieren die Folgejahre.

Strategien der Stadtbevölkerung
Zur Analyse der Strategien der Überlebenssicherung im städtischen Umfeld zieht dieser Artikel drei Konzepte bei: kukiya kiya (Notbehelf), kujingirisa (Kombination mehrerer Aktivitäten) und kuita zviripo (mit den vorhandenen Ressourcen auskommen). Dabei handelt es sich um Strategien des Überlebens in der Not, auf die in Mangelsituationen zurückgegriffen wird. Die drei Strategien beinhalten u.a. die folgenden Aktivitäten: (illegaler) Handel mit Fremdwährungen auf der Strasse, Strassenverkauf von Früchten, Gemüse, Lebensmitteln allgemein, Sprechzeit fürs Handy und vielen anderen Waren, Hinterhofwerkstätten, Microgeschäfte wie Flohmärkte, Coiffeur, Herstellung von Perücken, Herstellung und Verkauf verschiedenster Waren, Betteln, kriminelle Aktivitäten (kuvhara vanhu oder madhiri) einschliesslich Betrug und Annahme von Bestechungsgeldern, Raubüberfälle, Taschendiebstahl, illegaler Wiederverkauf von Tickets, Transportangebote (mushikashika), Gelegenheitsjobs und Sexarbeit (kuhura).
Die Menschen nehmen also Rückgriff auf diverse, oft auch illegale Aktivitäten. Wer an einem Ort arbeitet, an dem sich die Gelegenheit bietet, Bestechungsgelder zu verlangen oder Waren verschwinden zu lassen, tut dies. Beispielsweise verlangen Angestellte des öffentlichen Dienstes Schmiergeld für Dienstleistungen wie einen Pass. Besonders im Zentrum von Harare haben junge Händler im Strassenverkauf Systeme (kutenderedza masini) entwickelt, die ihnen ermöglichen einen Aufpreis zu verlangen. Ein knappes Warenangebot ermöglicht die Überlebenssicherung über florierende Schwarzmarktnetzwerke. So werden Benzin und Diesel unter der Hand mit enormem Aufpreis verkauft.
Im städtischen Umfeld gibt es auch viele Formen von Wettspielen, zum Beispiel im Fussball, die sich als wichtige Überlebensarenen herausgebildet haben. Für viele der arbeitslosen Jugendlichen sind Fussballwetten oder andere illegale Wettformen (wie Billard oder Kartenspielwetten) mögliche Einkommensquellen. Spielwetten bieten jedoch kein sicheres Einkommen und bergen die Gefahr von negativen Langzeitfolgen wie Sucht oder Verschuldung; sie sind deshalb als Bewältigungsstrategien ungeeignet.
Das dritte Konzept kuita zviripo (mit dem Vorhandenen auskommen) umfasst verschiedene Techniken und Strategien. Dazu gehört, was viele Zimbabwer budget nennen. Sie passen ihren Lebensstil und ihren Konsum dem verminderten Einkommen an, indem sie – von ihnen als Luxusgüter bezeichnete – Lebensmittel wie Milch, Eier und Fleisch nicht mehr kaufen. So wird Fleisch durch Saucen ersetzt oder die Anzahl Mahlzeiten pro Tag reduziert.
Zur Ergänzung ihres Nahrungsmittelangebotes haben die zimbabwischen Stadtbewohnerinnen seit jeher urbane Landwirtschaft betrieben. Die städtischen Verordnungen haben den Anbau von Nahrungsmitteln während vieler Jahre nicht gestattet. Aber 2002 haben die Gemeindebehörden mit der Nyanga-Erklärung einen Rahmen geschaffen, der urbane Landwirtschaft zulässt. Diese wird in verschiedenem Ausmass sowohl in den wohlhabenden, den mittelständischen, wie auch in den armen Wohnquartieren betrieben. In den Armenquartieren werden Nutzpflanzen ohne Bewässerung vor allem auf öffentlichem Land angepflanzt. Dabei handelt es sich meist um Nahrungsmittel wie Mais und Süsskartoffeln für den Eigenbedarf. Die einkommensstarken Haushalte investieren vermehrt in Gewächshäuser und Bewässerungssysteme. Sie produzieren Frischprodukte für den Markt: Blumen, Setzlinge und Gemüse. Weil sie grosse Flächen zur Verfügung haben, betreiben sie auch grosse Hühner-, Straussen und Fischzuchtprojekte.

Ländliche Strategien
Auch im ländlichen Kontext findet man unterschiedliche Strategien von kukiya kiya and kujingirisa zur Überlebenssicherung. Einige der angewandten Aktivitäten sind nicht neu, sondern haben im ländlichen Zimbabwe eine lange Tradition. Der Klimawandel sowie wiederkehrende Dürren haben die Landwirtschaft, das Rückgrat des ländlichen Lebensunterhalts, schwer beeinträchtigt. Die Menschen behelfen sich deshalb mit anderen Optionen: Verkauf von natürlichen Ressourcen wie Brennholz und Fisch; Gelegenheitsjobs (maricho); Teilnahme an Programmen bei denen Essen im Austausch gegen Arbeit ausgegeben wird; Verwendung von Wildfrüchten und -gemüsen; Spar- und Leihgruppen (mukando); Mikrounternehmen; Gemeinschaftsgärten; sowie Überweisungen von Migranten (aus der Stadt wie aus dem Ausland). In der Nähe von Minen oder Grossfarmen besteht Zugang zu lang- und kurzfristigen Arbeitsverträgen. In Grenznähe vertreiben Frauen ihre Produkte über die Grenze, zum Beispiel ins benachbarte Südafrika. In den ländlichen Gebieten (wie auch im städtischen Umfeld) beobachtet man eine wachsende Zahl von nicht registrierten Kindern, die auf der Suche nach einem besseren Leben nach Südafrika migrieren, wo sie meist als Hausangestellte arbeiten.
Nahrungsmittelhilfe und Geldüberweisungen sind wichtige Einkommensquellen. Schätzungen des Zimbabwe Vulnerability Assessment Committee für 2019 zufolge haben im ländlichen Umfeld 5,5 Millionen Menschen die Nahrungsmittelsicherheit verloren. Die Regierung sowie mehrere internationale Organisationen lassen den betroffenen Familien Nahrungsmittelhilfe zukommen. So hat USAID im Jahr 2019 113,5 Millionen US-Dollar dafür aufgewendet. Internationale Organisationen beteiligen sich an Programmen, die auch Überweisungen an bedürftige Haushalte vornehmen.

Korruption und politische Patronage als Überlebenssysteme
Korruption ist Bestandteil vieler alltäglicher Aktivitäten. Dank Bestechung oder Sex kann man ein Examen bestehen, Schmiergelder verhelfen zu einem Führerschein oder Pass. Jugendliche kassieren Geld, um politische Gewalt auszuüben, Polizisten und Zöllner werden bestochen, und auch an Geld kommt man mit unorthodoxen Mitteln. Bei den täglichen Interaktionen gibt es unzählige Möglichkeiten, um aus dem Zugang zu öffentlichen Diensten Geld zu machen. Mit der ZANU-PF verbundene Gruppen verschaffen sich dank politischer Patronage Zugang zu Verkaufsständen, Bauland und anderem städtischen Grund, die sie gegen Bezahlung weitergeben. Diese niederschwellige Korruption und Bestechlichkeit verhilft vielen Zimbabwern zu Geldflüssen verschiedenster Art.

Diamanten, Gold und der Aufschwung des Kleinbergbaus
In Zimbabwe gibt es mehr als 400000 nicht registrierte Minenarbeiter, darunter schätzungsweise 153000 Frauen und Kinder. Chikorokoza, wie diese Art des Goldbergbaus oft genannt wird, hat sich für viele als ergiebige Einkommensquelle erwiesen. Der Kleinbergbau wirkt auch als Multiplikator, weil die Bedürfnisse der Bergbauarbeiter erfüllt werden müssen. Sie kaufen Essen, Waren und auch Sex. Die grosse Herausforderung in diesem Bereich ist die Gewalt, die von organisierten Gangs in den Goldfeldern ausgeht und zu vielen Toten geführt hat. Gemäss Human Rights Watch hat die Entdeckung von Diamanten 2006 neue Möglichkeiten für den illegalen Bergbau eröffnet. 2006 bewegten sich rund 35000 Menschen (Minenarbeiter und Händler) im Umfeld der Diamantenfelder. Diese Zahl verringerte sich nach der militärischen Säuberung von Ende 2008. Die inzwischen abgesperrten Diamantenfelder von Chiadzwa sind weiterhin ein wichtiger Ort für illegale Bergleute, die das Gelände immer wieder unerlaubt betreten und sich dort betätigen. Zwischen Januar und November 2019 wurden 3259 illegale Diamantenschürfer verhaftet.

Überweisungen, grenzüberschreitender Handel und Migration
Migration ist ein wichtiger Pfeiler des täglichen Überlebens. Zu dieser Strategie gehören der grenzüberschreitende Handel, und verschiedene Formen der zirkulären, kurzfristigen Migration. Diese beinhaltet Kurzzeitbesuche – informelle grenzüberschreitende Händlerinnen und Einkäufer, die sich aus wirtschaftlichen Gründen unablässig zwischen Zimbabwe und den Nachbarländern hin und her bewegen. Manche dieser Leute finden temporäre Jobs, besonders im Gastgewebe, im Bau und in der Tourismusindustrie der Gastländer. Nach einer Arbeits- und Verdienst-Periode kehren sie vorübergehend zu ihren Familien in Zimbabwe zurück, besonders während der Ferienzeit. Eine 2017 erhobene demographische Studie klassifizierte 19 Prozent aller untersuchten Haushalte als Migrationshaushalte mit wenigstens einem Migranten. Die Studie zeigte auch, dass die Mehrheit der Migranten in den vergangenen zwölf Monaten zwischen 100 und 500 US-Dollar nach Hause geschickt hatten. Gemäss einem kürzlich veröffentlichten Bericht der Weltbank werden private Überweisungen nach Zimbabwe für 2018 auf 1,85 Milliarden US-Dollar geschätzt. Sie machten 5,99 Prozent des Bruttosozialprodukts aus.
Als Antwort auf die sich vertiefende Krise haben die einfachen Zimbabwerinnen und Zimbabwer vielfältige Formen des Überlebens entwickelt. Die dargestellten Überlebensstrategien umfassen sowohl legale als auch illegale Aktivitäten. Die Mehrheit dieser Coping-Strategien sind jedoch risikobehaftet und können nicht mehr als den unmittelbaren Lebenserhalt sichern.

Manase Kudzai Chiweshe ist Soziologe und lehrt an der University von Zimbabwe. Sein Forschungsgebiet ist die Soziologie des afrikanischen Alltagslebens. Seinen Beitrag hat Barbara Müller ins Deutsche übersetzt. Kontakt: manasekudzai@gmail.com.

Quelle: Afrika-Bulletin Nr. 177, http://www.afrikakomitee.ch/nr-177-ueberleben/

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