13.11.20 17:33

ADAM BRANCH AND ZACHARIAH MAMPILLY: Africa uprising

Rubrik: Soziale Kämpfe, Urbane Konflikte, Landkonflikte & Hungerpolitik, Rezension
Von: FFM-Online

Popular protest and political change. Zed Books, London 2015

Vor dem Hintergrund der Revolution im Sudan, der anhaltenden Demonstrationen in Algerien, des Putschs in Mali, der Proteste in Nigeria und der mit Wahlen verknüpften Unruhen in mehreren Ländern Afrikas ist es unbedingt lohnend, einen Blick in dieses Buch zu werfen, auch wenn es, 2015 in London erschienen, nicht mehr ganz frisch ist. Es lohnt sich aus mehreren Gründen:

  1. In den Jahren 2005 bis 2011 gab es eine Welle von Protesten in vielen Teilen Afrikas, die von der „Arabischen Revolution“ überlagert wurden bzw. die gegenüber der Arabellion geradezu übersehen wurden. Branch und Mampilly (B&M) zählen in dieser Zeit über 100 Proteste. Es gibt ein Africa Uprising, das hier mit dem europäischen Perspektiv wenn überhaupt, dann meist nur oberflächlich wahrgenommen wurde.1Der Perspektivwechsel vom Afrika-Optimismus des „Africa Rising“ zum „Africa Uprising“ ist für die Jahre 2019 und 2020 erst recht tragfähig.

  2. Die Autoren beziehen sich explizit auf Fanon und damit auf einen radikalen Antikolonialismus, der sich zur Zeit an manchen Orten neu belebt. Es braucht eine solche Kompromisslosigkeit, um in Afrika Wege aus den Verstrickungen zu finden im postkolonialen Setting: gegenüber dem globalen Kapital, gegenüber Gewalt und Terror der postkolonialen Regimes, gegenüber der Dominanz externer Akteure und dem humanitären Imperialismus der Agenturen und NGOs.

  3. Die Autoren beschreiben die Brüche und Differenzen zwischen der Zivilgesellschaft und den Protestformen der städtischen Unterschichten. Sie sprechen in diesem Zusammenhang von einer „Political Society“ – ein Begriff, zu dem später noch etwas zu sagen ist – und geben uns damit ein tool an die Hand, um Riots, Konflikte, Aufstände in den afrikanischen Städten besser verstehen zu lernen und uns – in ihrer Widersprüchlichkeit – konkreter auf diese zu beziehen.

  4. Die Autoren haben beständig nicht nur die ethnischen Spaltungslinien, sondern zugleich die oft gegensätzlichen Interessen der Stadt- und der Landbevölkerungen im Blick – einen Gegensatz, der im „Nationalen“ noch nie aufgegangen ist und der für die Analyse der postkolonialen Staaten und Regimes in den letzten Jahren noch wichtiger geworden ist, weil sich viele Konflikte und Vertreibungen in den Zeiten des Klimawandels, der extraktiven Ökonomie, des Agrobusiness und der Militärinterventionen noch einmal verstärkt haben.

  5. Das Buch ist eine Fundgrube, was die Charakterisierung der Agenturen und NGOs in der afrikanischen Konfliktualität betrifft, und es lädt zur Reflexion des eigenen Tuns ein bei den zahlreichen Akteur*innen, soweit diese zu einer solchen Reflexion noch willens und in der Lage sind.

  6. Schließlich enthält das Buch eine Reihe informativer Fallanalysen (zu Mali, Niger, Zaire, Nigeria, Uganda, Äthiopien, Sudan), die zugleich Streiflichter auf die Vorgeschichte der aktuellen sozialen Konflikte in Afrika werfen. Das Buch enthält (auf S. 106)2 zudem einige Anmerkungen zu Boko Haram, die zu weiterem Nachdenken anregen.

Adam Branch und Zachariah Mampilly (B&M) sind Politologie-Professoren in den USA mit Erfahrungen an Universitäten in Tansania bzw. Uganda. Ihr Buch gliedert sich in einen „theoretischen“ Teil, die Kapitel 2-4, und einen Teil mit vier Fallstudien in den Kapiteln 5-8.

Hier die Inhaltsangabe zur Orientierung:
1 Protests and possibilities
2 Mobs or mobilizers? Nkrumah, Fanon, and anti-colonial protest
3 A democratic transition? Anti-austerity protests and the limits of reform
4 The third wave of African protest
5 The precipitous rise and fall of Occupy Nigeria
6 Political walking in Uganda
7 Protest and counter-protest in Ethiopia
8 ‘We are fed up!’ Sudan’s unfinished uprisings
Conclusion: Africa in a world of protest



Teil 1:

B&M beginnen mit dem Hinweis , dass die Propaganda von den Afrikanischen Löwen, von „Africa Rising“ und der „Afrika-Optimismus“ des frühen 21. Jahrhunderts an der Mehrheit der afrikanischen Bevölkerung vorbei gegangen ist. Die viel zitierte „neue afrikanische Mittelklasse“ verdient oft nicht einmal 2 Dollar am Tag. Fast die Hälfte aller Afrikaner*innen lebt in extremer Armut (und die bescheidenen Verbesserungen der letzten zehn Jahre drohen durch die Neuordnung der Welt nach Corona neutralisiert zu werden). Die Autoren schlagen einen Fokuswechsel vor: von „Africa Rising“ zu Africa Uprising“.

In der Tat wurde Afrika bei den Analysen der heutigen globale Protestwelle (2015) weitgehend ignoriert. Dieses Schweigen rührt zum Teil daher, dass der Westen Afrikas seit langem angesehen wird als zu ländlich, zu traditionell und zu sehr von der Ethnizität geprägt, als dass moderner politischer Protest entstehen könnte. Solche Vorurteile bedeuten auch, dass die wenigen afrikanischen Proteste, die es in die internationale Presse schaffen, eher als Aufruhr oder Plünderung abgetan werden. Gewalt wird von Medien, die auf Kriegsherren, Kindersoldaten und humanitäre Interventionen fixiert sind, oft als alleinige Triebkraft für politische Veränderungen in Afrika angesehen. Selbst wenn der Volksprotest auf dem afrikanischen Kontinent als politisch bedeutsam eingestuft wird, wie dies 2011 in Tunesien und Ägypten der Fall war, verwandelt er sich in einen „arabischen Frühling“, der von seiner geografischen Lage losgelöst wird, wobei Analysten fragen, ob Afrika mit einem eigenen Erwachen „folgen“ könnte. ( S.12).

Diese Beschreibung von 2015 trifft auf 2020 genau so zu: die gängigen Narrative blenden die schwarz-afrikanische Geschichte auch weiterhin aus (S.13):

Die heutigen Aufstände bauen auf einer Geschichte afrikanischer Proteste auf, die bis zum antikolonialen Kampf zurückreicht, ein Erbe, das trotz überwältigender Hindernisse überlebt hat. Dieses Buch versucht, den Protest in Afrika in die breitere Debatte über den heutigen Ausbruch von Protesten in der ganzen Welt einzuordnen – aber indem es herausarbeitet, was das an diesen Protesten spezifisch afrikanisch ist“ (S.14)- ohne Romantisierungen, aus der Beschreibung der konkreten Machtverhältnisse heraus und in Kenntnis der „long histories of protest throughout Africa“.3

Für diese Kämpfe ist die Sahara keine unüberwindliche Grenze, schreiben B&M. (S.15) Aber sie erwähnen nur indirekt, dass dies mit den transsaharischen Migrationen zu tun hat (wie sie überhaupt das Migrationsthema, abgesehen von der Land-Stadt-Migration, weitgehend ausklammern). Bei diesen Kämpfen geht es den Autoren nicht nur um die oberflächlich sichtbaren Veränderungen und Erfolge, (S.16) sondern um eher untergründige Veränderungen der „Selbstverwirklichung“, um neue Formen der Demokratie und der Entwicklung „with popular interests first“. (S.17) Sie interessieren sich für Basisstrukturen und Imaginationen, die sich aus dem Alltagsleben und den Kämpfen heraus entwickeln. Das geht in die richtige Richtung. Leider kommen diese Basisstrukturen im weiteren Verlauf des Buchs nur ganz punktuell vor und die Fallstudien sind sind dieser Hinsicht nicht wirklich reichhaltig.4

Frantz Fanon schreibt in The Wretched of the Earth, ‘the colonial world is a world divided into compartments’. Ausgehend von dieser Feststellung und in Bezug auf die drei großen historischen Wellen der afrikanischen Proteste: den antikolonialen Bewegungen, den Anti-Austeritätskämpfen der späten 1980er und frühen 190er Jahre und den sozialen Bewegungen nach Seattle, beschreiben die Autoren, dass

die Hauptakteure – die politischen und wirtschaftlichen Eliten in den Städten, die Arbeiterklasse, die Unterschicht und die Landbevölkerung – in jeder der drei Protestwellen wiederkehren, auch wenn sich die spezifischen Details ihrer Identitäten, politischen Vorstellungen und Beziehungen im Laufe der Zeit verändern können. Im Laufe dieser Geschichte sind die Proteste der Bevölkerung immer wieder auf zwei ständige nationale politische Dilemmata gestoßen: Wie können politische Gräben innerhalb der Stadt überwunden werden und wie kann die politische Kluft zwischen Stadt und Land überwunden werden? In dieser Geschichte des Protests konzentrieren wir uns auf die städtische Unterschicht, eine Gruppe, die in den Berichten über die Proteste des Volkes oft an den Rand gedrängt wird, obwohl sie für alle drei Wellen zentral ist und für künftige politische Veränderungen von entscheidender Bedeutung ist. Indem wir auf eine Theoretisierung der Politik dieser städtischen „Political Society“, wie wir sie nennen, hinarbeiten, können wir Einsicht in die breiteren Möglichkeiten und Grenzen von Protest und Politik im heutigen Afrika gewinnen. (19)

Was an den Protesten ist „spezifisch afrikanisch“? Es sollen keine Modelle importiert werden und keine Vorurteile gefällt werden darüber, wie Protest „eigentlich“ auszusehen hätte. Die Rolle einer „Zivilgesellschaft“ und ihrer nicht-gewaltsamen Mobilisierungsformen, wie auch die „Sozialen Bewegungen“, mit ihren Organisationsformen und Forderungen, sehen B&M als Importe aus dem Westen.5 Den Begriff der „Political Society“ übernehmen sie von Chatterjee (2011), der von den „Politics of the Governed“ spricht.6 Die Erfahrungen aus Indien passen. Das Leben der städtischen Unterschichten ist elementar von kolonialen Zwängen geprägt – und von denen der postkolonialen Staatsgewalt. Die koloniale Gewalt, so wird mit Fanon argumentiert, formt eine politische Identität. Wenn es der Civil Society um Reformen geht, um Rechte und einen etwas sichereren Platz in der entstehenden zivilen Gesellschaft, geht es der Political Society vielmehr um eine unmittelbare Transformation der Lebensbedingungen, gegenüber den Zwängen einer willkürlichen und gewalttätigen Staatsmacht .

B&M beschreiben die Entstehung der „dangerous classes“, die nach dem 2. Weltkrieg ein beständiger Faktor in den Kolonialstädten sind. Jederzeit konnte ihr Aufenthalt in der Stadt konnte für illegal erklärt werden, ihre Ansiedlungen abgerissen.

Koloniale Regime verließen sich zunehmend auf militarisierte Polizeikräfte, ausgerüstet mit gepanzerten Fahrzeugen, Personentransportern und der gesamten Palette an Ausrüstung zur Kontrolle von Unruhen, um die auferlegte Ordnung aufrechtzuerhalten – ein Bild, das noch heute in vielen afrikanischen Städten bekannt ist. (S.27)

Die städtische Unterschicht, ohne formelle rechtliche oder politische Beziehungen zum Staat, war oft auf ad hoc-, informelle und personalisierte Verhandlungen mit den Machthabern angewiesen, um die Bedingungen für das Überleben zu sichern. Die Kombination von staatlicher Vernachlässigung und Gewalt, Informalität und Illegalität bestimmte alle Bereiche des städtischen Lebens – Arbeit, Lebensunterhalt, Wohnen, soziale Beziehungen, Kultur und natürlich Politik. (S.29)

B&M beschreiben im 2. Kapitel den populistischen und gewaltfreien Weg Nkrumahs in Ghana, dem es gelang, die Political Society in ein nationales Projekt einzubinden, und sie zitieren Fanons Kritik (wobei sie lediglich aus Wretched of the Earth zitieren):

Ein solcher Modus der Entkolonialisierung würde der Reproduktion der Pathologien der Kolonialherrschaft nach der Unabhängigkeit die Bühne bereiten, erklärte er, da die herrschenden Parteien zu Netzwerken von Informanten würden, der Tribalismus zur vorherrschenden Logik der Herrschaft und „der Zeitpunkt für eine neue nationale Krise“ sei dann nicht „weit entfernt“ . (S.39)

Für Fanon war das „Lumpenproletariat“ die revolutionäre Klasse:

In dieser Menschenmasse, diesem Volk der Elendsviertel, dem Kern des Lumpenproletariats, wird die Rebellion ihre urbane Speerspitze finden. Das Lumpenproletariat, diese Horde hungernder Menschen, entwurzelt aus ihrem Stamm und ihrer Sippe, stellt eine der spontansten und radikalsten revolutionären Kräfte eines kolonisierten Volkes dar. (S.40)

Das Land sah Fanon als autonome Basis der Reproduktion in den langen Kämpfen um Unabhängigkeit. In diesen Kämpfen würde sich eine nationalistische Führungselite installieren, die sich nach der Unabhängigkeit selbst auflösen müsste.

Das 3. Kapitel handelt von den Anti-Austerity-Protesten der 1980er und frühen 1990er Jahre, die sich in zwei Dritteln aller afrikanischen Staaten entfalteten, nachdem den Entwicklungsregimes der 60er und 70er Jahre allerorten die Ressourcen entzogen worden waren. Benin (1989) wurde zur Blaupause einer Eindämmung dieser Aufstände: (S.47) Spontane Proteste durchmischten sich mit Forderungen, die in einem Mehrparteiensystem und durch eine Technokratenregierung aufgefangen wurden. Diese transformierte sich in kurzer Zeit zu einem diktatorischen Regime.

Zusammenfassend heißt es auf S. 55:
Nach Benin lieferte „Mehrparteiendemokratie“ den Schlachtruf für die zweite Welle von Protestbewegungen in ganz Afrika. Aber die liberalen Slogans und Agenden waren oft kaum mehr als Vehikel für die politischen Eliten, die Arbeiterbewegung, die NGOs und die Studenten, den neoliberalen Abbau der Entwicklungsstaaten zu stoppen und das relative Privileg, das sie genossen hatten, zurückzugewinnen. Politische Parteien, die oft von Insider-Eliten gegründet und geführt wurden, waren ein Instrument, mit dem diese Gruppen versuchten, ihre Interessen in der Sprache der Demokratisierung durchzusetzen. Die Oppositionsparteien mobilisierten die Wahlbevölkerung, um Forderungen nach grundlegenden politischen Veränderungen auf die Straße zu bringen. Sie nutzten die Proteste des Volkes, um den Staat zu liberalen Reformen zu zwingen, und traten dann bei Mehrparteienwahlen als Kandidaten auf. So sicherten sie oft ihre eigenen Interessen … Einmal an der Macht, würden die Oppositionsführer wenig substantielle Veränderungen anbieten …

Während der Entwicklungsdekade hatte sich die städtische Zivilgesellschaft einschließlich der formierten Arbeiterbewegung eng mit der Staatsführung verflochten. Die Proteste gegen Austerity und „Strukturanpassung“ waren nun Tummelfeld der Gewerkschaften, die den sozialen Abstieg ihrer Mitglieder verhindern wollten, der Studierenden, die sich in Aufsteiger und Absteiger differenzierten, und der NGOs, welche die Parolen einer Demokratisierung nach westlichem Muster lieferten.

Die „Revolution of Expecations“ hatte während der Entwicklungsdekade zunehmend mehr Menschen vom Land in die Städte gezogen. Der Status der Menschen in den Slums hatte sich indes im Vergleich zu den Kolonialzeiten kaum verändert – außer dass sie nun viel zahlreicher waren:

Die Political Society wurde weiterhin als extralegal oder illegal definiert, sie war abwechselnd Vernachlässigung und heftigen Gewaltausbrüchen unterworfen. Die Zerstörung von Squattersiedlungen zum Beispiel war eine häufige Erscheinung. Eine Säuberungskampagne 1970 in Nairobi machte 50.000 Menschen obdachlos, die ivorische Regierung zerstörte zwischen 1969 und 1973 die Häuser von 20 Prozent der Bevölkerung von Abidjan, und in Dakar wurden ganze Stadtviertel mit Bulldozern plattgemacht

B&M diskutieren die Rolle der Political Society in den Aufständen einerseits als Bargaining by Riot7 (S.57) und als Suche nach Lebensunterhalt und Patronage-Systemen, andererseits als Zurückweisung und Abwehr der staatlichen Übergriffe:

Andere gingen auf die Straße, nicht um neue Beziehungen zu staatlichen Akteuren zu knüpfen, sondern um den Staat zurückzudrängen, alternative Ordnungen außerhalb des staatlichen Zuständigkeitsbereichs zu etablieren oder das gesamte System und alle seine Teile zu stürzen. … (Es) sollte es nicht als selbstverständlich angesehen werden, dass Protestbewegungen nach Macht oder einer formellen politischen Transformation streben; in der Tat haben sie vielleicht nur ihre Autonomie verteidigt. …Demokratie kann für die Wählerschaft des Volkes bedeuten, „den Staat zu untergraben, zu umgehen und/oder sogar offen anzugreifen“ und nicht seine Institutionen oder Verteilungsnetze zu reformieren. (S.58)

Der Fokus des Buchs wendet sich von der Mehrparteien-Demokratisierung hin zu den informellen Netzwerken, die sich oft in den Überlebens-Strukturen der Slums gebildet haben, manchmal auch aus kurzfristigen politischen Bewegungen entstanden sind, und die gelegentlich kurzfristige Bündnisse mit oppositionellen Führern eingehen. Die Slumbewohner haben sich in ihrem „permanenten Wartezustand“ von der nationalen Rhetorik entfremdet und unterschwellige Netzwerke gebildet. B&M waren davor, diese Strukturen zu romantisieren, die von Armut, Vorläufigkeit und Repression gekennzeichnet sind. Wandel und Hoffnung, Wut und Zerstörung liegen oft nah beieinander. Die Literatur, die B&M auf S. 58 f. anführen, entspricht allerdings nur einer allerersten Annäherung an dieses wichtige Thema!8 Erhellend ist die Studie von M. Diouf (1996) zu Dakar, die von B&M ausführlich zitiert wird.

Im Kapitel 4 wenden sich B&M der dritten Protestwelle der Jahre 2005 ff. zu. Die Liste der Proteste mit Beteiligung der Political Society ist heterogen und lang. Es handelt sich um lokale Proteste, aber auch um breite Aufstandsbewegungen.

A n vielen Punkte wird in diesen Protesten die Spaltung zwischen Zivilgesellschaft und Political Society überwunden (S.84), aber nirgends gibt es eine gemeinsame politische Ideologie oder ein Programm. Den Protestierenden gemeinsam sind die Erfahrung von ökonomischer Deprivation und staatlicher Gewalt. Der kleinste gemeinsame Nenner sind die Antikorruption, die inzwischen zu jedem Regierungswechsel gehört, und der Kampf gegen Amtsinhaber, die sich nicht abwählen lassen. In den Kämpfen werden neue Wege, neue Allianzen gefunden. (S.84) Inzwischen, 2020, haben sich diese Negativforderungen verallgemeinert und radikalisiert: All Must Go, das ganze Regime, das ganze System muss weg.

B&M untersuchen die politische Entwicklung der Eliten seit den 1990er Jahren, die durch Instabilität und eine Privatisierung der Geldflüsse gekennzeichnet sind. (S. 77 ff) Es gibt „Choiceless Democracies“ und globalisierte Eliten, die sich in Gated Communities verschanzen. Derweil drängen die Mittelschichten in die NGOs und Agenturen, sie müssen den Lebensunterhalt aus ausländischen Hilfsgeldern sichern und sprechen von Demokratie und humaniären Rechten. Für Proteste sind sie nicht zuständig – außer für geordnete Demos, die internationale Protokolle, Frieden und Menschenrechte einfordern. Die Gelder der internationalen Geber fördern die Entfremdung der NGO-Eliten von den städtischen und den ländlichen Armen. Diese werden Objekte von Sozialprogrammen, der Staat entledigt delegiert soziale Ausgaben nur zu gern an die NGOs.

Teil 2:

Die Fallstudien im zweiten Teil des Buchs (Kap. 5 bis 8) haben jeweils das Mit- und Gegeneinander der Zivilgesellschaft und der Political Society zum Thema. Nach Hinweisen auf die materiellen Elemente der Selbstorganisation der Political Society suchen wir allerdings meist vergeblich, am ehesten finden wir sie im Kapitel 7 zu den Protesten in Äthiopien 2005 (S. 153 ff.), vor allem dank einer anthropologischen Arbeit von Di Nunzio (2012).

Die „passiven Netzwerke“, die es bereits unter Jugendlichen und armen Stadtbewohnern gab, wurden aktiviert, um Menschen zu den Protesten zu bringen und diejenigen zu verstecken, die vor der Verfolgung durch die Polizei fliehen mussten. Während unter Studenten und Professionals Textnachrichten eine wichtige Rolle spielten, gibt es kaum Anzeichen dafür, dass solche Technologien für die Masse der Protestierenden notwendig waren. …
Der Protest basierte auf den oft unsichtbaren Netzwerken, die die dichten, ärmeren Nachbarschaften eng zusammenhielten. So erhielt der Protest seine Bedeutung aus der politischen Phantasie des Volkes, aus der er ausbrach, und nicht aus liberalen Vorstellungen, wie ein richtiger Protest aussehen sollte. Gewalt war eine Demonstration politischer Handlungsfähigkeit, ein direkter Versuch, der Staatsmacht den Boden zu entreißen, im Rahmen einer „moralischen Ökonomie“ der Straße und durch Menschen, die als „gefährliche Hooligans“ kriminalisiert wurden.
(S.158)

Ein besonderes Interesse verdienen aus heutiger Sicht natürlich die Kapitel 5 zu Occupy Nigeria und das Kapitel 8 zu den Sudanese Unfinished Uprisings. Interessant ist im Kapitel zu Nigeria nicht nur die Rekonstruktion interner Debatten der Protestbewegung, sondern auch die Benutzung von Boko Haram als Argument zur Disziplinierung der Proteste. Boko Haram selbst wird als Ausdruck der Ungleichzeitigkeit ländlicher Proteste beschrieben (S.106), bevor diese Bewegung unter den Schlägen der Repression djihadistisch „denaturiert“ wurde.

Zu Nigeria hier ein Ausschnitt aus einem aktuellen Artikel im Guardian, der den Dimensionen des vorliegenden Buchs eine aktuelle Pointe hinzu fügt: den Bezug auf das „Leben lassen“ das im weltweiten Kontext von BLM und der Konstruktion von „Überbevölkerungen“ zunehmend wichtiger wird. Unter dem Titel „Just Stop Killing Us“ berichtet Emmanuel Akinwotu aus Lagos über Gruppen aus der Civil Society, die sich als Unterstützer*innen auf die Proteste der Political Society beziehen:

Der Schock der Morde hat die Protestbewegung ins Wanken gebracht. Die 24-stündigen Ausgangssperren, die von vielen Staaten eingeführt wurden, werden langsam aufgehoben, aber sie haben die Proteste effektiv zum Erliegen gebracht. Dennoch schwelt die Wut und könnte neue Demonstrationen auslösen.
Die Proteste haben einer jüngeren Generation, die über die schlechte Regierungsführung im bevölkerungsreichsten Land Afrikas frustriert ist, ein Gefühl neuer Möglichkeiten vermittelt. Sie haben ein Ökosystem von Unterstützungsgruppen entstehen lassen, die die Hilfe koordinieren und landesweit für Logistik sorgen.
Die Feminist Coalition, eine Gruppe junger Frauen und das End SARS Response Team waren nur zwei solcher Gruppen. Sie richteten Telefonleitungen für die Protestierenden ein, stellten medizinische Hilfe für die Verletzten bereit und organisierten Krankenwagen und private Sicherheitsdienste bei Protesten im ganzen Land.
Für Ariet Honest, eine 23-jährige Künstlerin und Model, war der Marsch zur Beendigung von SARS ihr erster Protest … „Es ist inspirierend, unsere Macht, unsere Einheit zu sehen“, sagte sie. „Wir verlangen nicht einmal viel von ihnen. Hören Sie einfach auf, uns zu töten und zu schikanieren, das ist alles.“9

Auch das Kapitel zum Sudan beruht auf Interviews mit Aktivist*innen.10 B&M beschreiben den Aufstand von 1985, dann die studentischen Mobilisierungen der Jahre 2010 bis 2012, bevor im Sommer 2013 Überflutungen und die Streichung von Brennstoffsubventionen zu Massenprotesten führen, bei denen die Studenten* abseits stehen. (S. 185)

Es ist hier nicht der Ort, den Verlauf der sudanesischen Revolution nachzuzeichnen, die aufgrund der zahlreichen Videoaufzeichnungen (meist auf Twitter) zu einer der bestdokumentierten Revolutionen der Weltgeschichte gehört. Ganz sicher war sich, wenn nicht die Professionellen in der SPA, so doch die kommunistische Partei im Jahr 2019 bewusst, dass sie nur im Einklang mit der Political Society eine Chance haben würde. Diese Chance wird derzeit durch Einflüsse von Außen: nicht nur durch Janjaweed, Saudis und Emirate, USA, EU und Sissi, sondern auch durch die Heuschrecken und Überschwemmungen dieses Jahres und schließlich durch Covid-19 in die Enge getrieben. Trotzdem geht es in den nächsten Monaten genau um das, was das vorliegende Buch zum Thema machen will: nicht nur die neue Einigkeit, die vor dem HQ der Armee gefeiert wurde und den hohen Stellenwert des Kampfs gegen Janjaweed, nicht nur in Khartum und Omdurman, sondern auch in Darfur und an der Grenze zu Libyen, sondern auch das, was in den Armenvierteln als Erfolg der Kämpfe eine zeitlang noch bleibt: die Bedeutung der Nachbarschaftskomittees, auch in Zeiten der Inflation und der Knappheit, der Mutualismus der Revolution.

Conclusion (S.192)

Kann die afrikanische Political Society ein Schlüssel sein und eine Inspiration sein, um die neuen und weltweiten Wellen der Proteste und ihre Dilemmata und Möglichkeiten besser zu verstehen, wie B&M in ihrer Conclusion schreiben? Inzwischen, nach 2019, wissen wir einiges mehr.

Es ist sicherlich richtig, dass das Middle-Class-Szenario des globalen Kapitalismus nicht zutrifft (S. 193) und dass globale Theorien wie „das Prekariat“ (Badiou, Harvey) oder „die Multitude“ (Hardt / Negri) allenfalls Platzhalter sind für etwas, das sich nur in konkreten Kämpfen neu entwickeln kann. Aus dem Schlusswort von B&B halten wir dieses fest:

Der Protest der Armen in Afrika ist eine Antwort auf eine seit langem bestehende Realität. Er entsteht aus der Erfahrung eines prekären Lebens in all seinen Aspekten – nicht nur aus wirtschaftlicher Unsicherheit, sondern aus einer vielschichtigen politischen und sozialen bestimmten Human Condition.

Und:

Was wie unorganisierter, destruktiver Protest aussieht, kann aus einer expansiven informellen Selbstorganisation entstehen, die nach Autonomie oder einem Ende der staatlichen Repression strebt. Die Forderungen nach Veränderung können für jeden, der auf der Straße marschiert – und für den Staat, gegen den sie gerichtet sind – so klar sein, dass es nicht notwendig ist, formelle Programme aufzustellen, die der Staat ohnehin ignorieren würde. Bei Protesten geht es vielleicht gar nicht um formelle politische Alternativen, sondern eher darum, informelle Alternativen überhaupt erst zu schaffen.

https://ffm-online.org/lesehinweis-africa-uprising/

1 Eine Ausnahme ist der auf Izindaba im April 2017 veröffentlichte Text „Kontinent der Kämpfe“. http://www.izindaba.info/39.0.html?&tx_ttnews%5Btt_news%5D=314&cHash=9bb60c181f33c9dbafcff2f4956efe35

2 Die Seitenangaben beziehen sich auf die e-book edition 2015

3 Eine der wichtigsten Quellen dieses historischen Zugangs: Frederick Cooper, Africa since 1940: The Past of the Present, Camebridge 2002

4 Afrika ist nicht nur ein Kontinent der Kämpfe, sondern auch ein Kontinent der Migrationen – und ein Kontinent der Jugend und ihrer Peer-Groups, der Frauen, der Partiarchen und der Reproduktion – Bereiche, die für die Beschreibung der Alltagskämpfe wichtig wären.

5 Zu den Selbstorganisationsformen im arabischen Raum vgl. vor allem Asef Bayat, Leben als Politik, Berlin 2015. Leider kannten B&M dieses 2011 im Englischen erschienene Buch offenbar nicht. Eine Diskussion von Bayats Auffassungen vor dem Hintergrund der subsaharischenn Aufstandsbewegungen würde die Ausführungen von B&M wesentlich bereichern.

6 Chatterjee, P. (2004) The politics of the governed: popular politics in most of the world. New York: Columbia University Press

7 B&M benutzen diesen Begriff nicht und vermeiden überhaupt jeden Bezug auf die (europäische) Sozialgeschichtsschreibung.

8 Allererst wäre hier Asef Bayat zu nennen, Life als Politics, Stanford 2010 (Deutsch: Leben als Politik, Berlin 2012). Vgl. auch H. Dietrich, Die tunesische Revolte als Fanal, SGO 5 (2011), https://duepublico2.uni-due.de/rsc/viewer/duepublico_derivate_00026916/09_Dietrich_Maghreb.pdf?page=42

10 Natürlich führen solche Interviews zu einem Bias. Die aufständischen Jugendlichen geben ja keine Interviews.

Quelle: https://ffm-online.org/lesehinweis-africa-uprising/