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Nigeria: Nach Protesten stoppt Bundesstaat Lagos die weitere Zerstörung des Makoko-Slums

Nach mehreren auch international wahrgenommenen Demonstrationen gegen die Zerstörung des Makoko-Slums – oft als „Venedig Nigerias” bezeichnet – ordnete das Parlament des Bundesstaates Lagos am 4. Februar die sofortige Einstellung der Abrissarbeiten an.
Abgeordnete hatten sich mit Sprecher*innen von Makoko und den benachbarten Gemeinden getroffen. Ergebnis: die Regierung des Bundesstaates Lagos will rund 10 Millionen Dollar in die Sanierung des Slums investieren, wobei sich der nigerianische Staat mit 2 Millionen Dollar beteiligen soll. Die Vereinten Nationen und andere internationale Organisationen sollen bis zu 8 Millionen Dollar für ein Projekt zur Modernisierung des Viertels bereitstellen.

Wütende Bewohner*innen Makokos und ihre Unterstützer*innen hatten sich zuletzt am 28. Januar an einer strategisch wichtigen Verkehrsachse versammelt und den Verkehr blockiert. Sie prangerten die fehlende Entschädigung und die fehlenden Umsiedlungslösungen nach den Abrissarbeiten an. Nachdem die über 1.000 Demonstrierenden sich geweigert hatten, einer polizeilichen Aufforderung zur Auflösung der Versammlung nachzukommen und stattdessen verlangten, vom Gouverneur des Bundesstaates Lagos, dessen Büro sich in der Nähe befindet, empfangen zu werden, setzte die Polizei Tränengasgranaten ein.
In Makoko, einer vor mehr als 100 Jahren entstandenen traditionellen Fischergemeinde in der Lagune von Lagos, hatte die Regierung des Bundesstaates Lagos mit amphibischen Baggern, begleitet von bewaffneten Polizisten, die auf Stelzen im Wasser gebauten Holzhütten zerstört. Die wesentlich von Fischfang, der Weiterverarbeitung von Fisch, Kanutransporten und Lagunenhandel geprägte Gemeinde ist auf das Leben mit Wasser ausgelegt. Wegen des ungebremsten Zuzugs nach Lagos und der allgemeinen Wohnungsnot und Armut sollen nach verschiedenen Schätzungen heute 80.000 bis 200.000 Menschen in Makoko leben.

Die Abrissarbeiten begannen am 23. Dezember 2025, um einen 30 Meter breiten Sicherheitsstreifen entlang einer Hochspannungsleitung zu schaffen. Die Bewohner*innen kooperierten zunächst, nachdem ihnen von offizieller Seite versichert worden war, dass die Räumungen begrenzt sein und die betroffenen Familien entschädigt würden.

Seit dem 4. Januar drangen die Abrissbagger jedoch zunächst bis zu 100 Meter, später bis 250 Meter und mehr über die vereinbarte Sicherheitszone hinaus vor und zerstörten Wohnhäuser, Schulen, Märkte, Gesundheitszentren und Orte spiritueller Praxen – ohne jegliche Vorwarnung. Seitdem sollen mehr als 3.000 Häuser zerstört worden und über 10.000 Menschen obdachlos geworden sein, die damit nicht nur ihr Zuhause, sondern auch ihre Lebensgrundlagen verloren.

Doch dagegen wehrten sich die Bewohner*innen Makokos. Am 4. und 5. Januar kam es zu spontanen Protesten, worauf die Polizei die Demonstrant*innen mit Tränengas auseinandertrieb.

Am 15. Januar protestierten Einwohner*innen mit Unterstützung zivilgesellschaftlicher Organisationen vor dem Büro des Gouverneurs von Lagos und forderten die sofortige Einstellung der laufenden Abrissarbeiten sowie Entschädigungen für die vertriebenen Familien.
Die Demonstrant*innen, angeführt von Aktivist*innen der Organisation Corporate Accountability and Public Participation Africa (CAPPA) und lokalen Gemeindevorstehern, warfen der Regierung des Bundesstaates Lagos vor, frühere Vereinbarungen verletzt und die Abrissarbeiten auf mittlerweile über 200 bis z.T. 500 Meter ausgeweitet zu haben.
Sie trugen Plakate mit Aufschriften wie „Rettet unsere Häuser, unser Leben und die Gemeinde Makoko” und „Begrenzt die Abrissarbeiten auf 100 Meter”.
Der Gemeindevorsteher und Mitglied von Slum Dwellers International, Ojo Jide, sagte, die Abrissarbeiten seien nicht ordnungsgemäß dokumentiert worden, was eine Entschädigung oder Umsiedlung unmöglich mache.
Ein anderer Sprecher erklärte, Gouverneur Babajide Sanwo-Olu habe den Bewohner*innen noch im November 2025 persönlich versichert, dass die Abrissarbeiten auf einen Umkreis von maximal 100 Meter um die Hochspannungsleitungen beschränkt bleiben würden. „Er gab uns sein Wort, und wir stimmten zu. Aber die Abrissarbeiten gingen weit über diese Entfernung hinaus und ließen die Menschen obdachlos und schutzlos zurück.“
Später marschierten die Bewohner*innen zum Parlament des Bundesstaates Lagos im Stadtteil Alausa und blockierten Teile der Hauptstraße. Ein Regierungsvertreter traf sich mit den Demonstrant*innen und versicherte ihnen, dass ihre Beschwerden an den Gouverneur weitergeleitet würden.
Nach Angaben der Protestierenden starben mindestens drei Menschen – darunter zwei Kleinkinder und eine ältere Frau – durch den Einsatz von Tränengas seitens der sog. Sicherheitskräfte.
Sie forderten den Gouverneur und nigerianischen Präsidenten Bola Tinubu auf, dringend einzugreifen, und warnten, dass die Situation zu einer ausgewachsenen humanitären Krise eskalieren könne, wenn nichts unternommen werde.

Hintergrund des Vertreibungsangriffs auf die Armutsbevölkerung von Makoko wie auch schon zuvor auf andere an der Lagune Lagos’ gelegener Slums sind Pläne, Land in attraktiver Lage am Wasser für hochprofitable Immobilienprojekte für zahlungskräftige Firmen oder Reiche zu gewinnen.

Nach den jetzt erfolgten Zugeständnissen der Regierung des Bundesstaats Lagos wird weiter zu beobachten sein, ob sie sich an ihre Versprechungen halten wird.

https://www.theguardian.com/global-development/2026/jan/26/lagos-waterfront-demolition-makoko-displacement

https://businessday.ng/news/article/global-rights-coalition-calls-on-lagos-to-halt-makoko-demolitions

https://fr.africanews.com/2026/02/04/nigeria-face-a-la-grogne-letat-de-lagos-ordonne-larret-des-demolitions-a-makoko

Bilder zu Makoko: https://www.dw.com/de/lagos-afrikas-gr%C3%B6%C3%9Fter-schwimmender-slum-muss-weichen/g-75535363

Bilder zum Ausmaß der Zerstörungen: https://www.reuters.com/pictures/decades-memories-swept-away-thousands-lose-homes-venice-nigeria-is-demolished-2026-01-28/

Musikvideo der Jazz-Formation Kokoroko, das einen Eindruck vom Leben in Makoko vermittelt: